Anonymus über »Die ausbleibende Revolution«

Auf seinem Blog d-trick hat Dietrich Brüggemann ein 32-seitiges Papier eines unbekannten Autors mit dem Titel „Die ausbleibende Revolution“ veröffentlicht. „Eine Analyse, was die Qualität der neuen US-Serien eigentlich ausmacht und warum genau diese Qualität im deutschen Fernsehen auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen sein wird“, lautet die Einleitung des Aufsatzes, die den Inhalt gut auf den Punkt bringt.

Der Autor, angeblich selbst Drehbuchautor, spart in seiner Analyse nicht an beißender Kritik an deutschen Fernsehsendern und ihren Programmverantwortlichen. Verständlich, dass er da lieber unbekannt bleiben möchte und stattdessen unter dem Pseudonym „DJ Frederiksson“ firmiert.

Die Analyse selbst ist scharfsinnig und kenntnisreich und liefert einen sehr guten Überblick über die Situation auf dem deutschen und internationalen Serienmarkt. Man hofft inständig, sie möge Pflichtlektüre in deutschen Fernsehredaktionen und Intendantenzimmern werden.

Umso bedauerlicher ist es, dass der Autor trotz seiner im Kern zutreffenden Analyse die Unterschiede zwischen Sparten- und Mainstream-Programmen ignoriert und damit so unterschiedliche Serien wie „Breaking Bad“ und „Sherlock“ in einen Topf wirft. So großartig „Breaking Bad“ in künstlerischer Hinsicht auch ist – eine der „erfolgreichsten Serien aller Zeiten“ war die Serie eben nicht, jedenfalls nicht nach Zuschauerzahlen. So wie man im Kino anerkennen muss, dass es mit Arthouse und Mainstream zwei völlig unterschiedliche Märkte gibt, muss man das auch für das Fernsehen akzeptieren.

Autorenserien wie „Breaking Bad“, „Mad Men“ oder „The Wire“ sind nicht nur bei uns sondern auch in den USA und überall sonst nur bei einem kleinen Nischenpublikum erfolgreich – ganz egal wie viel Raum die Diskussion über sie in den Feuilletons auch einnimmt. Derartige Serien von deutschen Free-TV-Sendern zu fordern, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, ist einfach nicht hilfreich. Es gibt einen Grund, warum diese Serien im Auftrag von Pay-TV-Sendern entstehen, für die, wie „Frederiksson“ völlig richtig schreibt, die Quote kein Maßstab ist.

Aber es gibt eben auch moderne, innovative und unkonventionelle Serien wie „Dr. House“, „Sherlock“, „Borgen“ oder „Homeland“, die sehr wohl mainstream-fähig sind. Wo sind die deutschen Versuche, derartig ambitioniertes, massentaugliches Fernsehen zu machen? Dass es diese Versuche erst gar nicht gibt, da hat „DJ Frederiksson“ völlig recht, ist die eigentliche Bankrotterklärung des deutschen Fernsehens.

Dass die privaten Sender derartige Wagnisse scheuen ist nachvollziehbar, schließlich leben sie von der Quote. Und auch den öffentlich-rechtlichen Sendern muss man zugestehen, dass eine teure eigenproduzierte Serie quotenmäßig zumindest in der Nähe des Senderschnitts liegen sollte. Aber: gäbe es im deutschen Fernsehen zur Primetime eine hervorragend gemachte Politserie wie „Borgen“ oder „The West Wing“ – welcher Politiker würde den Sendern wohl vorwerfen, dass sie nicht die selbe Quote bringt wie der sonntägliche „Tatort“? Welcher Publizist würde es wagen, die Existenzberechtigung eines öffentlich-rechtlichen Senders, der so ein Programm macht, in Frage zu stellen? Denn, da haben die Intendanten durchaus recht, um die Legitimation der Existenz der Öffentlich-rechtlichen geht es inzwischen durchaus.

Wann verstehen die öffentlich-rechtlichen Programmmacher endlich, dass sie sich und ihre Sender einzig und allein durch die gesellschaftlich anerkannte Qualität ihres Programms unersetzbar machen können und nicht durch möglichst gute Quoten? Dass den Öffentlich-rechtlichen eine solche breite gesellschaftliche Anerkennung für ihr Programm derzeit fehlt, wird ernsthaft wohl niemand bestreiten wollen.

Aber derartige Gedankenspiele sind den öffentlich-rechtlichen Programmmachern offenbar völlig fremd. Zumindest lassen die zunehmend realitätsfremden Aussagen einzig und allein auf Quoten fixierter öffentlich-rechtlicher Programmverantwortlicher nichts anderes vermuten.

Das Gefühl, dass es eine Revolution im deutschen Fernsehen braucht, wird immer drängender. Gleichzeitig steigen nicht nur bei Autoren wie „DJ Frederiksson“ die Befürchtungen, dass diese längst überfällige Zeitenwende in deutschen Fernsehredaktionen leider ausbleiben wird. Und das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Jammer.

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