Gilgamesch und »The Hero’s Journey«

Der von Joseph Campbell begründete Begriff der Heldenreise ist jedem Drehbuchautor geläufig, seit Christopher Vogler damit in Hollywood offene Türen eingerannt und so prominente Fans wie George Lucas gewonnen hat.

Die Grundidee ist faszinierend: Campbell kam durch seine ethnologischen Forschungen zu dem Schluss, dass mythische Geschichten aus den verschiedensten Kulturkreisen ein archetypisches Grundmuster aufweisen, das er als „Hero’s Journey“ bezeichnete oder auch, nach James Joyce, Monomythos.

Die Idee, dass alle großen Geschichten ein und derselben Struktur folgen, klingt für Autoren verständlicherweise äußerst verlockend, legt sie doch nahe, dass diese archetypische Struktur gewissermaßen ein ehernes Naturgesetz ist, dem man nur folgen muss, um in den Olymp der großen Erzähler einzugehen. Folgerichtig nannte Vogler sein Buch denn auch „The Writer’s Journey“.

Die Idee des Monomythos klingt beinahe zu schön und wahr zu sein – und vielleicht ist sie das auch. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Sean Hood auf seinem Blog Genre Hacks. Er hat sich die Mühe gemacht, den wohl sagenumwobensten, sicher aber ältesten Mythos der Menschheitsgeschichte selbst zu lesen: das Gilgamesch-Epos. Aber leider schien der so gar nicht in das schöne Muster von Campbell/Vogler zu passen.

Gilgamesh

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Arbeit von Campbell einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich als eherne Wahrheiten verbreitete Forschungsergebnisse bei genauerem Hinsehen als Mythos erweisen – auch und gerade in den Kulturwissenschaften.

Auch die schöne Geschichte von der Herkunft der Grimm’schen Märchen ist inzwischen als Märchen entlarvt worden – die beiden Brüder sind keineswegs durch die deutschen Lande gezogen, um sich noch im hintersten Tal von betagten Großmüttern an Spinnrädern deren Gutenachtgeschichten erzählen zu lassen. Vielmehr haben sie sich von sechs halbwüchsigen Töchter aus gebildeten Kasseler Bürgerfamilien Geschichten aus einer französischen Märchensammlung erzählen lassen, die wir heute als „Deutsche Volksmärchen“ kennen.

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