Anonymus über »Die ausbleibende Revolution«

Auf seinem Blog d-trick hat Dietrich Brüggemann ein 32-seitiges Papier eines unbekannten Autors mit dem Titel “Die ausbleibende Revolution” veröffentlicht. “Eine Analyse, was die Qualität der neuen US-Serien eigentlich ausmacht und warum genau diese Qualität im deutschen Fernsehen auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen sein wird”, lautet die Einleitung des Aufsatzes, die den Inhalt gut auf den Punkt bringt.

Der Autor, angeblich selbst Drehbuchautor, spart in seiner Analyse nicht an beißender Kritik an deutschen Fernsehsendern und ihren Programmverantwortlichen. Verständlich, dass er da lieber unbekannt bleiben möchte und stattdessen unter dem Pseudonym “DJ Frederiksson” firmiert.

Die Analyse selbst ist scharfsinnig und kenntnisreich und liefert einen sehr guten Überblick über die Situation auf dem deutschen und internationalen Serienmarkt. Man hofft inständig, sie möge Pflichtlektüre in deutschen Fernsehredaktionen und Intendantenzimmern werden.

Umso bedauerlicher ist es, dass der Autor trotz seiner im Kern zutreffenden Analyse die Unterschiede zwischen Sparten- und Mainstream-Programmen ignoriert und damit so unterschiedliche Serien wie “Breaking Bad” und “Sherlock” in einen Topf wirft. So großartig “Breaking Bad” in künstlerischer Hinsicht auch ist – eine der “erfolgreichsten Serien aller Zeiten” war die Serie eben nicht, jedenfalls nicht nach Zuschauerzahlen. So wie man im Kino anerkennen muss, dass es mit Arthouse und Mainstream zwei völlig unterschiedliche Märkte gibt, muss man das auch für das Fernsehen akzeptieren.

Autorenserien wie “Breaking Bad”, “Mad Men” oder “The Wire” sind nicht nur bei uns sondern auch in den USA und überall sonst nur bei einem kleinen Nischenpublikum erfolgreich – ganz egal wie viel Raum die Diskussion über sie in den Feuilletons auch einnimmt. Derartige Serien von deutschen Free-TV-Sendern zu fordern, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, ist einfach nicht hilfreich. Es gibt einen Grund, warum diese Serien im Auftrag von Pay-TV-Sendern entstehen, für die, wie “Frederiksson” völlig richtig schreibt, die Quote kein Maßstab ist.

Aber es gibt eben auch moderne, innovative und unkonventionelle Serien wie “Dr. House”, “Sherlock”, “Borgen” oder “Homeland”, die sehr wohl mainstream-fähig sind. Wo sind die deutschen Versuche, derartig ambitioniertes, massentaugliches Fernsehen zu machen? Dass es diese Versuche erst gar nicht gibt, da hat “DJ Frederiksson” völlig recht, ist die eigentliche Bankrotterklärung des deutschen Fernsehens.

Dass die privaten Sender derartige Wagnisse scheuen ist nachvollziehbar, schließlich leben sie von der Quote. Und auch den öffentlich-rechtlichen Sendern muss man zugestehen, dass eine teure eigenproduzierte Serie quotenmäßig zumindest in der Nähe des Senderschnitts liegen sollte. Aber: gäbe es im deutschen Fernsehen zur Primetime eine hervorragend gemachte Politserie wie “Borgen” oder “The West Wing” – welcher Politiker würde den Sendern wohl vorwerfen, dass sie nicht die selbe Quote bringt wie der sonntägliche “Tatort”? Welcher Publizist würde es wagen, die Existenzberechtigung eines öffentlich-rechtlichen Senders, der so ein Programm macht, in Frage zu stellen? Denn, da haben die Intendanten durchaus recht, um die Legitimation der Existenz der Öffentlich-rechtlichen geht es inzwischen durchaus.

Wann verstehen die öffentlich-rechtlichen Programmmacher endlich, dass sie sich und ihre Sender einzig und allein durch die gesellschaftlich anerkannte Qualität ihres Programms unersetzbar machen können und nicht durch möglichst gute Quoten? Dass den Öffentlich-rechtlichen eine solche breite gesellschaftliche Anerkennung für ihr Programm derzeit fehlt, wird ernsthaft wohl niemand bestreiten wollen.

Aber derartige Gedankenspiele sind den öffentlich-rechtlichen Programmmachern offenbar völlig fremd. Zumindest lassen die zunehmend realitätsfremden Aussagen einzig und allein auf Quoten fixierter öffentlich-rechtlicher Programmverantwortlicher nichts anderes vermuten.

Das Gefühl, dass es eine Revolution im deutschen Fernsehen braucht, wird immer drängender. Gleichzeitig steigen nicht nur bei Autoren wie “DJ Frederiksson” die Befürchtungen, dass diese längst überfällige Zeitenwende in deutschen Fernsehredaktionen leider ausbleiben wird. Und das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Jammer.

»House of Cards«: Portrait Beau Willimon

Nachdem “House of Cards” auf Sat.1 grandios gefloppt war, schrieben einige pikierte Journalisten, das wäre der Beweis, dass der deutsche Fernsehzuschauer zu doof für gutes Fernsehen sei. Dabei war es vielmehr nur ein weiterer Beweis dafür, dass die hochgelobten amerikanischen Qualitätsserien nichts für ein Mainstream-Publikum sind – bei uns genauso wenig wie in den USA.

Wer die Serie trotzdem gesehen hat oder mehr darüber erfahren möchte, der sollte das ausführliche Portrait von “House of Cards”-Showrunner Beau Willimon im Magazin der New York Times lesen.

Darin erfährt man nicht nur, dass neben David Fincher auch Jodie Foster bei einigen Episoden der Polit-Serie Regie geführt hat, sondern bekommt mal wieder bestätigt, dass das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieser Serien die starke Rolle des Autoren bzw. Showrunners ist, weshalb man sie eigentlich am besten als “Autorenserien” bezeichnen sollte.

Leider haben wir keine finanziell gut ausgestatteten Pay-TV- oder Spartensender, die es sich leisten könnten, derartige Serien zu produzieren. Aber wir haben öffentlich-rechtliche Sender, die dem, was Pay-TV ist, eigentlich sehr nahe kommen könnten – wenn sie nur das Selbstverständnis etwa des dänischen Staatsfernsehens an den Tag legen würden, dass es die erste Aufgabe eines öffentlich finanzierten Senders sein sollte, vor allem Qualität zu produzieren und nicht Quote.

Stattdessen machen unsere Öffentlich-rechtlichen mit ihrem Senioren-Fernsehen lieber ihre eigene Form des Spartenfernsehens.

Liebe im Kino

Die klassische RomCom ist zur Zeit im Kino ziemlich tot. Zu lange hat man auf bewährte Strickmuster gesetzt, die das Publikum auch überraschend lange dankbar angenommen hat. Inzwischen traut sich aber kaum ein Star mehr an das Genre, das noch vor ein paar Jahren die Multiplexe gefüllt hat.

Interessanterweise reüssieren dafür in letzter Zeit kleinere Filme über romantische Verwicklungen, die ihre Geschichten nicht mehr ganz so locker-flockig erzählen und die Komplexität romantischer Beziehungen ernster nehmen. Was letztes Jahr mit “Silver Linings Playbook” begann, setzt sich dieses Jahr mit Filmen wie “Enough said”, “The Spectacular Now”, “Blue is the Warmest Color” und anderen fort, wie Alexander Huls in einem lesenswerten Artikel im Atlantic ausführt.

Mit ihrem realistischeren und damit auch dramatischerem Blick sprechen diese Filme allerdings ein ganz anderes Publikum an, als die Popcorn-Filme der klassischen Romantic Comedy. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch die RomCom neu erfindet. Und vielleicht schaut sie sich ein bisschen was ab, von diesen kleineren, leiseren Filmen.

Antithese zum Anti-Guru

Wie könnte dieser Blog das neue Jahr schöner beginnen als mit zwei Artikeln mit zwei völlig gegensätzlichen Standpunkten zum selben Thema?

Nach Brian Koppelmans leidenschaftlicher Zurückweisung sämtlicher Drehbuchlehren ist Linda Segers Nachruf auf Ur-Drehbuchguru Syd Field eine wunderbare Verteidigung eben dieser Theorien.

Linda Seger gehört mit Robert McKee, Christopher Vogler und John Truby gewissermaßen zum inneren Kreis des von Koppelman so geschmähten “screenwriting instruction industrial complex”. In ihrem Nachruf beschreibt sie sehr anschaulich, wie er entstanden ist – und welche Konsequenzen die Verbreitung all dieser Drehbuchtheorien hatte.

Denn so sehr man sich reflexartig gegen die Tendenz zum Formelhaften wehren kann und muss, die vereinheitlichende dramaturgische Theorien zwangsläufig mit sich bringen, darf man nicht vergessen, dass diese Theorien die Grundlage dafür geschaffen haben, dass wir uns auf mehr als nur geschmäcklerischem Niveau  über das Schreiben von Drehbüchern auseinandersetzen können.

Das größte Verdienst der “Drehbuchgurus” ist es sicherlich, dass sie eine Sprache geschaffen haben, die es erlaubt, Elemente eines Drehbuchs zu benennen. Wenn man sich am Ende über bestimmte Regeln einer Theorie hinwegsetzt, weiß man so wenigstens, dass man es tut und fischt nicht mehr ganz im Trüben.

Die heftige Ablehnung von Drehbuchtheorien und ihren Gurus durch Autoren wie Koppelman erklärt sich sicherlich auch aus dem Absolutheitsanspruch, mit dem Dramaturgie-Lehrer wie Syd Field oder Robert McKee ihre Theorien oft vertreten – und aus der Tendenz aus diesen Theorien simpelste “Malen-nach-Zahlen”-Anleitungen à la “Save the Cat” zu stricken. Ganz so einfach ist es eben doch nicht, ein gutes Drehbuch zu schreiben. 

Anstatt als starres Regelwerk sollte man Drehbuchtheorien als das sehen, was sie sind: Werkzeuge, denen man sich als Autor bedienen kann, um seine Geschichte aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten. Der wichtigste Leitfaden für jeden Autor ist am Ende immer die Geschichte selbst.

Syd Field: A Historical Perspective - Script Magazine

Brian Koppelman: Anti-Guru

Der Autor und Regisseur Brian Koppelman (“Ocean’s Thirteen”, “Runner Runner”) hat im September mit seiner ersten “Six Second Screenwriting Lesson” auf Vine eine schöne Kontroverse ausgelöst. Hier ist er, kurz und knackig:

In einem lesenswerten Beitrag auf seinem Blog erläutert Koppelman ausführlich, warum er trotz des Aufschreis, den er damit ausgelöst hat, zu seiner Aussage steht. In einem weiteren Vine setzt er sogar noch einen drauf:

“The so-called screenwriting guru is really the so-called screenwriting con man. Don’t listen to them, if you don’t know their movies.”

Damit legt er fraglos einen Finger in die Wunde, denn tatsächlich hat kaum einer der so verehrten Drehbuch-Gurus je selbst einen nennenswerten Film hervorgebracht. Allerdings darf man auch die Frage stellen, ob das wirklich problematisch ist, schließlich muss ein guter Lehrer nicht unbedingt selbst gut in dem sein, was er lehrt – auch wenn es irgendwie beruhigender wäre.

Wie auch immer man dazu steht, mit einem hat Koppelman sicher recht: wichtiger als jede Drehbuchlehre ist es, Filme zu gucken und zu analysieren und möglichst viele Drehbücher zu lesen. Praktischerweise hat Scott Myers von “Go into the Story” hier eine Liste mit 78 Drehbüchern veröffentlicht, die man sich ganz legal herunterladen kann. Einige davon habe ich selbst schon hier geposted, aber Myers Liste ist wesentlich ausführlicher.

Vom Falschen zum Richtigen

In der wunderbaren Reihe “The toughest scene I wrote” von Kyle Buchanan auf Vulture beschreiben diesmal Ethan und Joel Coen, wie sie den richtigen Song für eine Schlüsselszene gefunden haben.

Nach langer erfolgreicher Suche sprachen sie mit Hauptdarsteller Oscar Isaac über die Szene. Isaac schlug einen bluesigen Dave Van Ronk Song vor. Das fanden die beiden Coen-Brüder grundfalsch. Aber warum? Während sie darüber nachdachten, erinnerten sie sich an den Song “The Death of Queen Jane”, den sie schließlich auswählten.

Manchmal führt der Weg zum Richtigen über das Falsche.

Frohe Weihnachten!

Oscar Drehbücher 2014

Wie jedes Jahr stellen die Studios auch dieses Jahr in den Monaten vor den Oscars wieder ganz legal Drehbücher zum kostenlosen Download bereit.

Scott Myers von Go Into The Story hat dankenswerterweise eine erste Liste mit 32 Drehbüchern zusammengestellt. Unter anderem kann man ab sofort die Drehbücher zu “Rush”, “Gravity”, “Spring Breakers”, “All is Lost” und “Monsters University” herunterladen.

Auch Production Notes der Studios zu vielen Filmen sind auf Myers’ Liste zu finden. Also schnell runterladen, bevor sie weg sind.

Die 15 interessantesten Drehbücher habe ich hier für Euch zusammengestellt. Einfach auf die Bilder klicken.

Happy Downloading!

Rush

»Rush«
von Peter Morgan

Prisoners

»Prisoners«
von Aaron Guzikowski

Kill Your Darlings

»Kill Your Darlings«
von J. Krokidas, A. Bunn

Monsters-University

»Monster’s University«
von Gerson & Baird, Scanlon

Gravity

»Gravity«
von Alfonso & Jonás Cuarón

The Butler

»The Butler«
von Danny Strong

Before Midnight

»Before Midnight«
von Linklater, Hawke, Delpy

All Is Lost

»All Is Lost«
von JC CHANDOR

»Despicable Me 2« Autor: Cinco Paul & Ken Daurio

»Despicable Me 2«
von: Cinco Paul & Ken Daurio

12 Years a Slave

»12 Years a Slave«
von John Ridley

The Bling Ring

»The Bling Ring«
von Sofia Coppola

»Enough Said« von Nicole Holofcener

»Enough Said«
von Nicole Holofcener

»The Fifth Estate« von Josh Singer

»The Fifth Estate«
von Josh Singer

»The Great Gatsby« von Baz Luhrmann & Craig Pearce

»The Great Gatsby«
von B. Luhrmann & C. Pearce

»Spring Breakers« von Harmony Korine

»Spring Breakers«
von Harmony Korine

Braucht jede Geschichte eine Charakterentwicklung?

Lucy Hay stellt auf ihrem Blog Bang2Write eine hervorragende Frage: Muss die Hauptfigur in einer Geschichte zwingend eine Charakterentwicklung durchmachen? Muss sie etwas wichtiges lernen, an der Geschichte “wachsen”, um am Ende jemand anderes, “besseres” zu sein, als am Anfang?

Wer einmal einen Drehbuchschreibkurs oder ein Dramaturgie-Buch gelesen hat, wird diese Fragen reflexartig mit “Ja” beantworten.

Lucy Hay nennt in ihrem lesenswerten Beitrag jedoch einige prominente Filmbeispiele, die völlig ohne Figurenentwicklung auskommen: Ripley in “Alien”, McClane in “Die Hard” oder Forrest Gump. In der Tat dürfte die statische Hauptfigur in den meisten Action- und Superheldenfilmen eher die Regel als die Ausnahme sein. Auch in Komödien kommen immer wieder statische Hauptfiguren vor, etwa Harry and Lloyd in “Dumb and Dumber” oder Jeff Lebowski in “The Big Lebowski”. Auch in “Fargo” lernt keine der Hauptfiguren erkennbar etwas hinzu.

Die charakterliche Entwicklung der Hauptfigur ist sicherlich für viele Geschichten von zentraler Bedeutung. Aber wie die Beispiele zeigen eben nicht immer.

Trotzdem wird das Mantra “Eine Hauptfigur muss an der Geschichte wachsen” jedem angehenden Autor – und schlimmer noch Nicht-Autor – ständig und überall eingetrichtert. Warum auch nicht? Charakterentwicklung schadet schließlich nie. Oder?

Meine Antwort darauf wäre: meistens nicht. Aber manchmal macht sie die Geschichte auch nicht besser. Ein gutes Beispiel dafür ist Alfonso Cuaróns “Gravity”: hätte der Film nicht auch ohne die bemühte Überwindung des Muttertraumas von Sandra Bullocks Figur Stone hervorragend funktioniert? Hätte er nicht vielleicht sogar besser funktioniert, weil durch eine weniger psychologisch angeschlagene Figur die Glaubwürdigkeit der Geschichte nicht so stark strapaziert worden wäre? (Warum um alles in der Welt wird eine Frau, die psychisch derart labil ist, auf eine Weltraummission geschickt?!?)

Vor allem aber kann ein zu starker Fokus auf Figurenentwicklung bei der Entwicklung einer Geschichte, die stark über die äußere Handlung funktioniert auch hinderlich sein. Wir alle kennen diese Figuren, die mit komplexen persönlichen Konflikten in eine Geschichte gehen und diese damit einfach nur überfrachten. Weniger ist manchmal mehr.

Wenn man eine gut funktionierende, spannende oder lustige Geschichte hat und bei der Entwicklung feststellt, dass die Hauptfigur keine wirkliche Entwicklung durchmacht, sollte man nicht gleich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Vielleicht braucht diese Geschichte dann einfach keine Charakterentwicklung.

Wie Lucy Hay völlig richtig feststellt, ist eine charakterliche Entwicklung der Hauptfigur nicht das erzählerische Allheilmittel, als dass es von den meisten Schreibratgebern dargestellt wird. Sie wird in der Tat seit einigen Jahren deutlich überstrapaziert. Wenn ein starker, konfliktreicher Plot vorhanden ist, ist es manchmal besser, den Helden zwischen all der Action nicht auch noch sein Kindheitstrauma aufarbeiten zu lassen.

Gilgamesch und »The Hero’s Journey«

Der von Joseph Campbell begründete Begriff der Heldenreise ist jedem Drehbuchautor geläufig, seit Christopher Vogler damit in Hollywood offene Türen eingerannt und so prominente Fans wie George Lucas gewonnen hat.

Die Grundidee ist faszinierend: Campbell kam durch seine ethnologischen Forschungen zu dem Schluss, dass mythische Geschichten aus den verschiedensten Kulturkreisen ein archetypisches Grundmuster aufweisen, das er als “Hero’s Journey” bezeichnete oder auch, nach James Joyce, Monomythos.

Die Idee, dass alle großen Geschichten ein und derselben Struktur folgen, klingt für Autoren verständlicherweise äußerst verlockend, legt sie doch nahe, dass diese archetypische Struktur gewissermaßen ein ehernes Naturgesetz ist, dem man nur folgen muss, um in den Olymp der großen Erzähler einzugehen. Folgerichtig nannte Vogler sein Buch denn auch “The Writer’s Journey”.

Die Idee des Monomythos klingt beinahe zu schön und wahr zu sein – und vielleicht ist sie das auch. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Sean Hood auf seinem Blog Genre Hacks. Er hat sich die Mühe gemacht, den wohl sagenumwobensten, sicher aber ältesten Mythos der Menschheitsgeschichte selbst zu lesen: das Gilgamesch-Epos. Aber leider schien der so gar nicht in das schöne Muster von Campbell/Vogler zu passen.

Gilgamesh

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Arbeit von Campbell einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich als eherne Wahrheiten verbreitete Forschungsergebnisse bei genauerem Hinsehen als Mythos erweisen – auch und gerade in den Kulturwissenschaften.

Auch die schöne Geschichte von der Herkunft der Grimm’schen Märchen ist inzwischen als Märchen entlarvt worden – die beiden Brüder sind keineswegs durch die deutschen Lande gezogen, um sich noch im hintersten Tal von betagten Großmüttern an Spinnrädern deren Gutenachtgeschichten erzählen zu lassen. Vielmehr haben sie sich von sechs halbwüchsigen Töchter aus gebildeten Kasseler Bürgerfamilien Geschichten aus einer französischen Märchensammlung erzählen lassen, die wir heute als “Deutsche Volksmärchen” kennen.

Warum Deutschland für Hollywood immer noch wichtig ist

Der Hollywood-Reporter beschreibt in einem äußerst aufschlussreichen Artikel, dass der Filmmarkt Deutschland für Hollywood eher noch wichtiger geworden ist, als er ohnehin schon war. “If you can’t sell your film to Germany, don’t bother making it”, sagte Mark Gill auf einer Konferenz im Rahmen des AFM in Los Angeles.

Allerdings hat der deutsche Markt auch seine Besonderheiten, auf die amerikanische Finanziers Rücksicht nehmen müssen. Im Gegensatz zu anderen Ländern tut sich bei uns Western und Horror äußerst schwer und auch reines Drama lockt nur im Ausnahmefall genug Leute ins Kino. Achim Rohnke von der Bavaria erklärte auf dem Panel die Genreaufteilung auf dem deutsche Kinomarkt: “32 percent comedies, 24 percent action films and 14 percent children’s films. Together that’s two-thirds of the audience. So if you want to sell to Germany, make one of those three genres.”

Während der Finanzierungsbeitrag anderer europäischer Länder im Rahmen von Pre-Sales in den letzten Jahren drastisch eingebrochen ist, können die deutschen Auswertungsrechte bis zu 10 Prozent zum Budget eines Films beitragen. Ein Film wie “Rush” wäre ohne deutsche Ko-Finanzierung nie entstanden.

Auch wenn die Zeiten von “stupid German money” längst vorbei sind – für Hollywood bleibt Deutschland ein wichtiger Zahlmeister.

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Amazon ist gegen Binge-Watching

Morgen geht Amazon mit seiner ersten eigenproduzierten Serie “Alpha House” an den Start. Bei uns wird die Serie über Amazons Video-Streaming-Service Lovefilm zu sehen sein.

Im Gegensatz zu Netflix wird Amazon die Serie aber nicht sofort komplett zum “Binge-Watching” zur Verfügung stellen. Stattdessen werden erstmal die ersten drei Folgen veröffentlicht, die nächsten dann im wöchentlichen Abstand. Eine Mischform also aus dem Modell der Fernsehsender und dem von Netflix.

Ob Amazon damit gut fährt, wird schwer einzuschätzen sein, denn wie Netflix veröffentlicht Amazon keine Nutzungszahlen. Kritik von Fans der Serie dürfte Amazon aber sicher sein, denn die lieben es nun mal, mehrere Folgen einer Serie hintereinander zu sehen.

Wie sagte Kevin Spacey in Edinburgh so schön über das Geheimnis des Erfolgs von Netflix und “House of Cards”? “Give people what they want, when they want it.”

Wie Amazon Serien macht

Dass Netflix groß ins Seriengeschäft eingestiegen ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Weniger bekannt ist, dass auch Amazon eigene Serien produziert, um für seinen Streaming-Service exklusiven Content anbieten zu können.

Amol Sharma beschreibt in einem Artikel für das Wall Street Journal, wie bei Amazon Studios Produktionsentscheidungen getroffen werden. Wenig überraschend spielt beim Entscheidungsfindungsprozess des Online-Händlers Big Data eine herausragende Rolle.

Anders als Netflix, das gleich ganze Serienstaffeln in Auftrag gibt, beauftragt Amazon wie die Fernsehsender zunächst einmal Piloten. Im Gegensatz zu diesen hat Amazon jedoch wesentlich tiefere Einblicke in das Sehverhalten der Abonnenten, die es dank ihres bisherigen Kaufverhaltens vielleicht besser kennt als die sich selbst. Auch persönliche Empfehlungen und Nutzerkommentare gehen in die Algorithmen zur Berechnung des zu erwartenden Publikumserfolgs einer geplanten Serie ein.

Statt des Bauchgefühls eines Programmchefs entscheiden bei Amazon – wie bei Netflix – also letztlich Algorithmen darüber, was und was nicht produziert wird.

Für die Kreativen ist das aber offenbar allemal angenehmer. Jedenfalls erklären die sich überwiegend begeistert über die großen Freiheiten, die ihnen gelassen werden. Aber vielleicht ist auch das nur eine Frage der Verfeinerung der Algorithmen.

Autoren übers Schreiben

Jordan Zakarin hat für Buzzfeed eine Reihe Interviews mit berühmten Drehbuchautoren geführt und sie nach ihrer Arbeitsweise befragt. Dabei wird mal wieder deutlich, wie unterschiedlich die Herangehens- und Arbeitsweisen von Drehbuchautoren sind.

Unter den befragten Autoren sind so klingende Namen wie Richard Curtis (“Vier Hochzeiten und ein Todesfall”, “Notting Hill”, “Love, Actually”), Diablo Cody (“Juno”, “Young Adult”), Richard Linklater (“Before Sunrise”, “Waking Life”) und Nicole Holofcener (“Enough Said”).

 

Battle of the Binge

Jetzt haben wir uns gerade daran gewöhnt, dass Netflix und andere Streaming-Dienste die Lösung aller unserer Fernsehprobleme sind, da ist die schöne, werbefreie Fernsehzukunft auch schon wieder in Gefahr. Josef Adalian berichtet in einem höchst interessanten Artikel auf Vulture über den Kampf der amerikanischen Fernsehsender um erweiterte Streaming-Rechte für ihre Serien.

Im Kern geht es darum, dass die Sender in ihren Mediatheken alle bereits gesendeten Folgen der aktuellen Staffel ihrer Serien anbieten möchten und nicht nur die letzten fünf Folgen, wie das bislang der Fall ist. Im Gegensatz zu Netflix laufen die Serien dort mit unüberspringbaren Werbeblöcken. So wollen die Sender ihre durch Time-Shifting schwindenden Werbeeinnahmen erhöhen.

Netflix wiederum droht damit, deutlich weniger für Serien zu zahlen, sollten die Fernsehsender die Serien über ihre Portale komplett anbieten. Und das wiederum finden die Studios, die die Serien herstellen nicht so lustig, ist Netflix für sie doch in den letzten Jahren zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Möglicherweise ziehen im Hintergrund auch noch die Kabelnetzbetreiber die Fäden, denen der Erfolg von Netflix ein Dorn im Auge ist, auch wenn einige von ihnen Netflix demnächst in ihr Programmangebot aufnehmen.

Es ist also einiges in Bewegung. Die Fernsehsender, die sich bislang äußerst selbstbewusst gegenüber den aktuellen Umbrüchen gegeben haben, starten ihr erstes großes Rückzugsgefecht. Ob sie auf Dauer eine Chance haben, ihr werbefinanziertes Geschäftsmodell des linearen Fernsehens gegen die sich nachhaltig ändernden Sehgewohnheiten zu verteidigen, scheint allerdings mehr und mehr zweifelhaft.

Ein Urheberrecht für die Urheber

Der eigentliche Zweck des Urheberrechts, nämlich den Urheber zu schützen und ihm für seine schöpferische Tätigkeit ein Auskommen zu sichern, ist in der Praxis längst ausgehebelt worden. Das gilt besonders für die Filmbranche. Ein Autor, der einen Drehbuchvertrag unterschreibt, tritt mit seiner Unterschrift de facto sämtliche Rechte an seinem Werk ab und muss sich obendrein den Preis für seine Arbeit diktieren lassen. Gegen die Marktmacht der Fernsehsender hat der einzelne Autor keine Chance.

Selbst wenn sich Urheber in Berufsverbänden organisieren, läuft es für sie nicht unbedingt besser. Das hat sich in den Verhandlungen zu gemeinsamen Vergütungsregeln gezeigt, die der VDD über Jahre hinweg mit dem ZDF geführt hat. Das Ergebnis war so ernüchternd, dass sich eine Schar wütender Drehbuchautoren, die bislang nicht im VDD waren, unter dem Label NORAU zusammengetan hat, um geschlossen in den Verband einzutreten. Das erklärte Ziel: die Vereinbarung mit dem ZDF schnellstmöglich zu kündigen.

Selbst wenn das geschähe, stellt sich immer noch die Frage, wie eine bessere Vereinbarung mit den Sendern zu erzielen wäre – schließlich hat der VDD über Jahre hinweg hartnäckig verhandelt. Das Ergebnis war offenbar das Beste, was herauszuholen war. Ein Berufsverband wie der VDD ist eben keine Gewerkschaft mit Pflichtmitgliedschaft wie die Writer’s Guild in den USA, die mit einem Streik ganz Hollywood lahmlegen kann. Schon allein deshalb sind die in der letzten Urheberrechtsreform geforderten Gemeinsamen Vergütungsregeln offenkundig kein geeignetes Mittel, einen fairen Ausgleich zwischen den Interessen der Urheber und der Verwerter zu schaffen.

In der Süddeutschen Zeitung hat Drehbuchautor Fred Breinersdorfer jetzt einen äußerst interessanten Vorschlag veröffentlicht, der das Potential hat, diese festgefahrene Diskussion nachhaltig zu verändern. Seiner Meinung nach sollten Filme durch eine Urheberrechtsreform nach einer bestimmten Sperrfrist eine Internet-Zwangslizenz erhalten. So verrückt wie das klingt, ist das gar nicht. Vorbild für diesen Vorschlag ist die existierende Zwangslizenz für das Nachspielen von Musikstücken: Jeder kann veröffentlichte Musiktitel nachspielen – er muss nur den Urheber an seinen Erlösen angemessen beteiligen. Dafür zahlt er Gebühren an die GEMA.

Wie wäre es also mit einer Film-GEMA für im Internet verbreitete Filme? Und vielleicht nicht nur Kino-, sondern auch Fernsehfilme?

Der unbestrittene Charme von Fred Breinersdorfers Idee besteht darin, dass sie die üblichen Rechteverwerter außen vorläßt, die es mit ihrer eifersüchtigen Rechte-Heimserei nicht schaffen, ein umfassendes, legales Angebot für Filme im Internet auf die Beine zu stellen, nur um damit das Feld illegalen Streaming-Plattformen zu überlassen, mit denen sich zwielichtige Gestalten eine goldene Nase verdienen, während die Urheber in die Röhre gucken.

Aus Sicht eines Piraten bringt es Bruno Kamm auf seinem Blog schön auf den Punkt:

“Fred Breinersdorfer hat mit seinem Vorstoß die Verwerterindustrie entwaffnet, ihnen das Weihwasser im Kampf gegen den freien Zugang zu Kultur genommen, denn er fordert Urheberrechte für die Urheber und nimmt dabei den Verwertern das Kernargument ihres Kreuzzuges gegen die Piraterie: Das Urheberrecht.”

Wobei Fred Breinersdorfers Vorschlag eben gerade nicht darin besteht, alles im Internet kostenlos verfügbar zu machen. Es geht darum, einen legalen Markt nach dem Vorbild der Streaming-Plattformen zu schaffen, auf denen Erlöse durch Werbung oder Premium-Angebote erzielt werden, an denen die Urheber über eine Verwertungsgesellschaft direkt beteiligt werden.

Natürlich wird die Verwertungsindustrie alles daran setzen, eine Urheberrechtsreform, die mehr den Urhebern als den Verwertern nützt, zu verhindern. Das Spannende an Fred Breinersdorfers Vorschlag ist, dass er die dröge Debatte ums Urheberrecht auf die eigentlich zentrale Frage herunterbricht: Wie lässt sich ein Urheberrecht gestalten, das in erster Linie den Urhebern nützt anstatt den Verwertern?

Auch wenn Breinersdorfers Vorschlag wenig Aussicht hat, jemals Realität zu werden, hilft er vielleicht, die festgefahrene Debatte ums Urheberrecht neu zu beleben. Allein damit wäre viel gewonnen.