Michael Arndts erster Akt

Drehbuchautor Michael Arndt hat sich beim Schreiben von “Toy Story 3″ einige Gedanken dazu gemacht, was einen guten ersten Akt ausmacht. Dazu hat er die Drehbücher zu “Toy Story”, ” Finding Nemo” und “The Incredibles” analysiert und mit seinen Kollegen von Pixar ein hübsches kleines Video produziert, das man gut als Grundkurs zur Einführung in die klassische Drei-Akt-Struktur verwenden könnte.

John August hat das Kleinod auf einer obskuren YouTube-Seite gefunden und nach Rücksprache mit Michael Arndt auf seiner Seite veröffentlicht. Bleibt zu hoffen, dass Disneys und Pixars Anwälte etwas besseres zu tun haben, als gegen diese Urheberrechtsverletzung vorzugehen. So lange das nicht passiert: hier ist das Video.

Der Showrunner als Regisseur

Was ist der Unterschied zwischen einer tollen und einer misslungenen Serie, hat die Zeit US-Kritiker Alan Sepinwall gefragt. Seine Antwort: “Es ist die Vision. […] Die Autoren hatten sehr spezielle Ansätze und durften das größtenteils genau so umsetzen.”

Wie bereits viele andere vor ihm betont Sepinwall die Wichtigkeit des Showrunners für den Erfolg einer Qualitätsserie. Er ist die Person, “die das letzte Wort hat, die kreative Vision. Der Showrunner ist im Grunde das, was der Regisseur im Kino ist.”

Im Interview erklärt Sepinwall weiter, warum sich mit Netflix alles verändert und was wir in Zukunft für Serien erwarten dürfen. Lesenswert.

house-of-cards

Warum wir nicht Serie können

In einem ausführlichen, gut recherchiertem Artikel beschreibt Jochen Förster in Brand Eins sehr treffend die Situation im deutschen Fernsehmarkt: “Wir Serienmuffel”. Entlarvend sind die Kommentare der zitierten Programmmacher, die erahnen lassen, warum beim langen Marsch durch die öffentlich-rechtlichen Institutionen aus so vielen guten Ideen meistens doch nur deutsches Fernsehen wird.

Wir Serienmuffel - brand eins online

Die Probleme, die Förster benennt, sind hier schon oft angesprochen worden: mangelnde Risikofreude, zu wenig Freiheit für die Autoren und viel zu kleine Budgets.

Das interessanteste Detail versteckt sich aber in dem Info-Kasten über das Dänische Fernsehen: rund 1 Mio Euro gibt Danmarks Radio für eine Folge ihrer “Qualitätsserien” aus, während eine Serienfolge in Deutschland mit rund der Hälfte auskommen muss. Und das sieht man.

Förster rechnet vor, dass DR knapp fünf Prozent des Jahresbudgets in Qualitätsserien investiert. Beim Jahresetat der ARD von 6,5 Mrd. Euro wären das 325 Mio Euro. Damit könnte man schlappe 160 Folgen “Breaking Bad” produzieren. Wenn man wollte.

Dazu müsste man aber so denken wie Nadia Kløvedal Reich, die bei Danmarks Radio den Bereich Drama leitet:

„Um eine Serie auf HBO-Niveau zu machen, braucht man Geld, vor allem aber Geist. Wir bei DR planen sehr langfristig, unsere Autoren schreiben jetzt schon für die Saison 2016/17. Wir arbeiten in kleinen Teams, die sich lange kennen. Und wir lassen unseren Kreativen ein Maximum an Freiheit.“

Kann der Dame nicht mal jemand einen Job bei uns anbieten?

Who Killed the Romantic Comedy?

In einem ausführlichen und gründlich recherchierten Artikel für LA Weekly geht Amy Nicholson der Frage nach, was zum plötzlichen Tod der Romantic Comedy geführt hat: “Who Killed the Romantic Comedy?

Interessant ist dabei ihre Beobachtung, dass für den Erfolg von RomComs weniger die Zugkraft des weiblichen Stars als vielmehr des männlichen Parts entscheidend zu sein scheint. Sowohl Meg Ryan als auch Julia Roberts waren noch völlig unbekannt, als sie mit “When Harry met Sally” und “Pretty Woman” groß herauskamen, während ihre männlichen Gespielen Billy Crystal und Richard Gere schon davor Stars waren.

Ganz ähnlich läuft es in Deutschland, wo die RomCom wie in einer Art Biotop nach wie vor gut funktioniert – solange Matthias Schweighöfer, Til Schweiger, Elyas M’Barek oder – mit Einschränkungen – Christian Ulmen mitspielen. Die Frauen an ihrer Seite scheinen dagegen weitgehend austauschbar zu sein.

Sollte dem deutschen Publikum auch noch die Lust an der RomCom vergehen, sieht es allerdings zappenduster aus fürs deutsche Kino, schließlich ist die romantische Komödie heimischer Bauart das einzige Genre, das einigermaßen zuverlässig ein Millionenpublikum ins Kino lockt. Ohne sie läge der Marktanteil deutscher Filme nicht bei knapp 20 sondern unter 5 Prozent. 

Während Hollywood immer weiter auf immer teurere Superheldenfilme setzt, ist der deutsche Film also bis auf weiteres auf Gedeih und Verderb auf den Erfolg der romantischen Komödie angewiesen.

Besonders nachhaltig sind beide Geschäftsmodelle nicht.

Zwei verschiedene Welten

Alle Welt redet derzeit über Netflix und “House of Cards” – aber wie viele Menschen gucken die Serie tatsächlich? Auf Sat.1 war sie jedenfalls ein veritabler Flop, was den ein oder anderen Fernsehkritiker prompt an den Zuschauern verzweifeln ließ.

Tatsächlich ist es aber auch in den USA so, dass Serien wie “House of Cards”, “Girls” oder “True Detective” zwar die Berichterstattung beherrschen, von den Zuschauerzahlen her aber längst nicht an populäre Network-Serien wie “Navy CIS” herankommen, wie Derek Thompson in einem lesenswerten Artikel für den “Atlantic” feststellt.

Thompson bringt es sehr gut auf den Punkt, wenn er schreibt, dass die Welt in der Filmkritiker leben, eine ganz andere ist als die der Menschen, die immer noch in sehr großer Zahl konventionelle Fernsehserien im linearen Fernsehen ansehen – über die diese Kritiker wiederum so gut wie nie etwas schreiben.

Allen kulturpessimistischen Untergangsprognosen zum Trotz kann man nur sagen: das war schon immer so. Was neu ist, ist, dass es Fernsehserien gibt, die Thema der Kulturkritik sind. Und das ist doch immerhin schon mal eine Verbesserung.

Is House of Cards Really a Hit? - Derek Thompson - The Atlantic 

Noch mehr Oscar-Drehbücher

Einen ersten Schwung Drehbücher der diesjährigen Awards-Season habe ich bereits im Dezember vorgestellt, jetzt, wo die Nominierungen feststehen, gibt es vom Script Magazine einen schönen Nachschlag. Leider fehlen immer noch Favoriten wie “American Hustle”, “Blue Jasmin” und “Her”. Aber wenn man etwas googelt, findet man auch die.

Hier ist eine Auswahl der interessantesten neuen Bücher, die komplette Liste kann man beim Script Magazine ansehen. Und die Liste vom Dezember mit 15 weiteren Drehbüchern findet Ihr hier.

»Nebraska« von Robert W. Nelson

»Nebraska«
von Robert W. Nelson

»Dallas Buyers Club« von C. Borten & M. Wallack

»Dallas Buyers Club«
von C. Borten & M. Wallack

»The Spectacular Now« von S. Neustadter & M. H. Weber

»The Spectacular Now«
von Neustadter & Weber

»Frozen« von Jennifer Lee

»Frozen«
von Jennifer Lee

»Saving Mr. Banks« von Kelly Marcel and Sue Smith

»Saving Mr. Banks«
von K. Marcel and Sue Smith

»The Wolf of Wall Street« von Terence Winter

»The Wolf of Wall Street«
von Terence Winter

»August: Osage County« von Tracy Letts

»August: Osage County«
von Tracy Letts

»Fruitvale Station« von Ryan Coogler

»Fruitvale Station«
von Ryan Coogler

»The Way, Way Back«  von Nat Faxon und Jim Rash

»The Way, Way Back«
von Nat Faxon und Jim Rash

Anonymus über »Die ausbleibende Revolution«

Auf seinem Blog d-trick hat Dietrich Brüggemann ein 32-seitiges Papier eines unbekannten Autors mit dem Titel “Die ausbleibende Revolution” veröffentlicht. “Eine Analyse, was die Qualität der neuen US-Serien eigentlich ausmacht und warum genau diese Qualität im deutschen Fernsehen auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen sein wird”, lautet die Einleitung des Aufsatzes, die den Inhalt gut auf den Punkt bringt.

Der Autor, angeblich selbst Drehbuchautor, spart in seiner Analyse nicht an beißender Kritik an deutschen Fernsehsendern und ihren Programmverantwortlichen. Verständlich, dass er da lieber unbekannt bleiben möchte und stattdessen unter dem Pseudonym “DJ Frederiksson” firmiert.

Die Analyse selbst ist scharfsinnig und kenntnisreich und liefert einen sehr guten Überblick über die Situation auf dem deutschen und internationalen Serienmarkt. Man hofft inständig, sie möge Pflichtlektüre in deutschen Fernsehredaktionen und Intendantenzimmern werden.

Umso bedauerlicher ist es, dass der Autor trotz seiner im Kern zutreffenden Analyse die Unterschiede zwischen Sparten- und Mainstream-Programmen ignoriert und damit so unterschiedliche Serien wie “Breaking Bad” und “Sherlock” in einen Topf wirft. So großartig “Breaking Bad” in künstlerischer Hinsicht auch ist – eine der “erfolgreichsten Serien aller Zeiten” war die Serie eben nicht, jedenfalls nicht nach Zuschauerzahlen. So wie man im Kino anerkennen muss, dass es mit Arthouse und Mainstream zwei völlig unterschiedliche Märkte gibt, muss man das auch für das Fernsehen akzeptieren.

Autorenserien wie “Breaking Bad”, “Mad Men” oder “The Wire” sind nicht nur bei uns sondern auch in den USA und überall sonst nur bei einem kleinen Nischenpublikum erfolgreich – ganz egal wie viel Raum die Diskussion über sie in den Feuilletons auch einnimmt. Derartige Serien von deutschen Free-TV-Sendern zu fordern, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, ist einfach nicht hilfreich. Es gibt einen Grund, warum diese Serien im Auftrag von Pay-TV-Sendern entstehen, für die, wie “Frederiksson” völlig richtig schreibt, die Quote kein Maßstab ist.

Aber es gibt eben auch moderne, innovative und unkonventionelle Serien wie “Dr. House”, “Sherlock”, “Borgen” oder “Homeland”, die sehr wohl mainstream-fähig sind. Wo sind die deutschen Versuche, derartig ambitioniertes, massentaugliches Fernsehen zu machen? Dass es diese Versuche erst gar nicht gibt, da hat “DJ Frederiksson” völlig recht, ist die eigentliche Bankrotterklärung des deutschen Fernsehens.

Dass die privaten Sender derartige Wagnisse scheuen ist nachvollziehbar, schließlich leben sie von der Quote. Und auch den öffentlich-rechtlichen Sendern muss man zugestehen, dass eine teure eigenproduzierte Serie quotenmäßig zumindest in der Nähe des Senderschnitts liegen sollte. Aber: gäbe es im deutschen Fernsehen zur Primetime eine hervorragend gemachte Politserie wie “Borgen” oder “The West Wing” – welcher Politiker würde den Sendern wohl vorwerfen, dass sie nicht die selbe Quote bringt wie der sonntägliche “Tatort”? Welcher Publizist würde es wagen, die Existenzberechtigung eines öffentlich-rechtlichen Senders, der so ein Programm macht, in Frage zu stellen? Denn, da haben die Intendanten durchaus recht, um die Legitimation der Existenz der Öffentlich-rechtlichen geht es inzwischen durchaus.

Wann verstehen die öffentlich-rechtlichen Programmmacher endlich, dass sie sich und ihre Sender einzig und allein durch die gesellschaftlich anerkannte Qualität ihres Programms unersetzbar machen können und nicht durch möglichst gute Quoten? Dass den Öffentlich-rechtlichen eine solche breite gesellschaftliche Anerkennung für ihr Programm derzeit fehlt, wird ernsthaft wohl niemand bestreiten wollen.

Aber derartige Gedankenspiele sind den öffentlich-rechtlichen Programmmachern offenbar völlig fremd. Zumindest lassen die zunehmend realitätsfremden Aussagen einzig und allein auf Quoten fixierter öffentlich-rechtlicher Programmverantwortlicher nichts anderes vermuten.

Das Gefühl, dass es eine Revolution im deutschen Fernsehen braucht, wird immer drängender. Gleichzeitig steigen nicht nur bei Autoren wie “DJ Frederiksson” die Befürchtungen, dass diese längst überfällige Zeitenwende in deutschen Fernsehredaktionen leider ausbleiben wird. Und das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Jammer.

»House of Cards«: Portrait Beau Willimon

Nachdem “House of Cards” auf Sat.1 grandios gefloppt war, schrieben einige pikierte Journalisten, das wäre der Beweis, dass der deutsche Fernsehzuschauer zu doof für gutes Fernsehen sei. Dabei war es vielmehr nur ein weiterer Beweis dafür, dass die hochgelobten amerikanischen Qualitätsserien nichts für ein Mainstream-Publikum sind – bei uns genauso wenig wie in den USA.

Wer die Serie trotzdem gesehen hat oder mehr darüber erfahren möchte, der sollte das ausführliche Portrait von “House of Cards”-Showrunner Beau Willimon im Magazin der New York Times lesen.

Darin erfährt man nicht nur, dass neben David Fincher auch Jodie Foster bei einigen Episoden der Polit-Serie Regie geführt hat, sondern bekommt mal wieder bestätigt, dass das eigentliche Erfolgsgeheimnis dieser Serien die starke Rolle des Autoren bzw. Showrunners ist, weshalb man sie eigentlich am besten als “Autorenserien” bezeichnen sollte.

Leider haben wir keine finanziell gut ausgestatteten Pay-TV- oder Spartensender, die es sich leisten könnten, derartige Serien zu produzieren. Aber wir haben öffentlich-rechtliche Sender, die dem, was Pay-TV ist, eigentlich sehr nahe kommen könnten – wenn sie nur das Selbstverständnis etwa des dänischen Staatsfernsehens an den Tag legen würden, dass es die erste Aufgabe eines öffentlich finanzierten Senders sein sollte, vor allem Qualität zu produzieren und nicht Quote.

Stattdessen machen unsere Öffentlich-rechtlichen mit ihrem Senioren-Fernsehen lieber ihre eigene Form des Spartenfernsehens.

Liebe im Kino

Die klassische RomCom ist zur Zeit im Kino ziemlich tot. Zu lange hat man auf bewährte Strickmuster gesetzt, die das Publikum auch überraschend lange dankbar angenommen hat. Inzwischen traut sich aber kaum ein Star mehr an das Genre, das noch vor ein paar Jahren die Multiplexe gefüllt hat.

Interessanterweise reüssieren dafür in letzter Zeit kleinere Filme über romantische Verwicklungen, die ihre Geschichten nicht mehr ganz so locker-flockig erzählen und die Komplexität romantischer Beziehungen ernster nehmen. Was letztes Jahr mit “Silver Linings Playbook” begann, setzt sich dieses Jahr mit Filmen wie “Enough said”, “The Spectacular Now”, “Blue is the Warmest Color” und anderen fort, wie Alexander Huls in einem lesenswerten Artikel im Atlantic ausführt.

Mit ihrem realistischeren und damit auch dramatischerem Blick sprechen diese Filme allerdings ein ganz anderes Publikum an, als die Popcorn-Filme der klassischen Romantic Comedy. Es dürfte daher nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch die RomCom neu erfindet. Und vielleicht schaut sie sich ein bisschen was ab, von diesen kleineren, leiseren Filmen.

Antithese zum Anti-Guru

Wie könnte dieser Blog das neue Jahr schöner beginnen als mit zwei Artikeln mit zwei völlig gegensätzlichen Standpunkten zum selben Thema?

Nach Brian Koppelmans leidenschaftlicher Zurückweisung sämtlicher Drehbuchlehren ist Linda Segers Nachruf auf Ur-Drehbuchguru Syd Field eine wunderbare Verteidigung eben dieser Theorien.

Linda Seger gehört mit Robert McKee, Christopher Vogler und John Truby gewissermaßen zum inneren Kreis des von Koppelman so geschmähten “screenwriting instruction industrial complex”. In ihrem Nachruf beschreibt sie sehr anschaulich, wie er entstanden ist – und welche Konsequenzen die Verbreitung all dieser Drehbuchtheorien hatte.

Denn so sehr man sich reflexartig gegen die Tendenz zum Formelhaften wehren kann und muss, die vereinheitlichende dramaturgische Theorien zwangsläufig mit sich bringen, darf man nicht vergessen, dass diese Theorien die Grundlage dafür geschaffen haben, dass wir uns auf mehr als nur geschmäcklerischem Niveau  über das Schreiben von Drehbüchern auseinandersetzen können.

Das größte Verdienst der “Drehbuchgurus” ist es sicherlich, dass sie eine Sprache geschaffen haben, die es erlaubt, Elemente eines Drehbuchs zu benennen. Wenn man sich am Ende über bestimmte Regeln einer Theorie hinwegsetzt, weiß man so wenigstens, dass man es tut und fischt nicht mehr ganz im Trüben.

Die heftige Ablehnung von Drehbuchtheorien und ihren Gurus durch Autoren wie Koppelman erklärt sich sicherlich auch aus dem Absolutheitsanspruch, mit dem Dramaturgie-Lehrer wie Syd Field oder Robert McKee ihre Theorien oft vertreten – und aus der Tendenz aus diesen Theorien simpelste ”Malen-nach-Zahlen”-Anleitungen à la “Save the Cat” zu stricken. Ganz so einfach ist es eben doch nicht, ein gutes Drehbuch zu schreiben. 

Anstatt als starres Regelwerk sollte man Drehbuchtheorien als das sehen, was sie sind: Werkzeuge, denen man sich als Autor bedienen kann, um seine Geschichte aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten. Der wichtigste Leitfaden für jeden Autor ist am Ende immer die Geschichte selbst.

Syd Field: A Historical Perspective - Script Magazine

Brian Koppelman: Anti-Guru

Der Autor und Regisseur Brian Koppelman (“Ocean’s Thirteen”, “Runner Runner”) hat im September mit seiner ersten “Six Second Screenwriting Lesson” auf Vine eine schöne Kontroverse ausgelöst. Hier ist er, kurz und knackig:

In einem lesenswerten Beitrag auf seinem Blog erläutert Koppelman ausführlich, warum er trotz des Aufschreis, den er damit ausgelöst hat, zu seiner Aussage steht. In einem weiteren Vine setzt er sogar noch einen drauf:

“The so-called screenwriting guru is really the so-called screenwriting con man. Don’t listen to them, if you don’t know their movies.”

Damit legt er fraglos einen Finger in die Wunde, denn tatsächlich hat kaum einer der so verehrten Drehbuch-Gurus je selbst einen nennenswerten Film hervorgebracht. Allerdings darf man auch die Frage stellen, ob das wirklich problematisch ist, schließlich muss ein guter Lehrer nicht unbedingt selbst gut in dem sein, was er lehrt – auch wenn es irgendwie beruhigender wäre.

Wie auch immer man dazu steht, mit einem hat Koppelman sicher recht: wichtiger als jede Drehbuchlehre ist es, Filme zu gucken und zu analysieren und möglichst viele Drehbücher zu lesen. Praktischerweise hat Scott Myers von “Go into the Story” hier eine Liste mit 78 Drehbüchern veröffentlicht, die man sich ganz legal herunterladen kann. Einige davon habe ich selbst schon hier geposted, aber Myers Liste ist wesentlich ausführlicher.

Vom Falschen zum Richtigen

In der wunderbaren Reihe “The toughest scene I wrote” von Kyle Buchanan auf Vulture beschreiben diesmal Ethan und Joel Coen, wie sie den richtigen Song für eine Schlüsselszene gefunden haben.

Nach langer erfolgreicher Suche sprachen sie mit Hauptdarsteller Oscar Isaac über die Szene. Isaac schlug einen bluesigen Dave Van Ronk Song vor. Das fanden die beiden Coen-Brüder grundfalsch. Aber warum? Während sie darüber nachdachten, erinnerten sie sich an den Song “The Death of Queen Jane”, den sie schließlich auswählten.

Manchmal führt der Weg zum Richtigen über das Falsche.

Frohe Weihnachten!

Oscar Drehbücher 2014

Wie jedes Jahr stellen die Studios auch dieses Jahr in den Monaten vor den Oscars wieder ganz legal Drehbücher zum kostenlosen Download bereit.

Scott Myers von Go Into The Story hat dankenswerterweise eine erste Liste mit 32 Drehbüchern zusammengestellt. Unter anderem kann man ab sofort die Drehbücher zu “Rush”, “Gravity”, “Spring Breakers”, “All is Lost” und “Monsters University” herunterladen.

Auch Production Notes der Studios zu vielen Filmen sind auf Myers’ Liste zu finden. Also schnell runterladen, bevor sie weg sind.

Die 15 interessantesten Drehbücher habe ich hier für Euch zusammengestellt. Einfach auf die Bilder klicken.

Happy Downloading!

Rush

»Rush«
von Peter Morgan

Prisoners

»Prisoners«
von Aaron Guzikowski

Kill Your Darlings

»Kill Your Darlings«
von J. Krokidas, A. Bunn

Monsters-University

»Monster’s University«
von Gerson & Baird, Scanlon

Gravity

»Gravity«
von Alfonso & Jonás Cuarón

The Butler

»The Butler«
von Danny Strong

Before Midnight

»Before Midnight«
von Linklater, Hawke, Delpy

All Is Lost

»All Is Lost«
von JC CHANDOR

»Despicable Me 2« Autor: Cinco Paul & Ken Daurio

»Despicable Me 2«
von: Cinco Paul & Ken Daurio

12 Years a Slave

»12 Years a Slave«
von John Ridley

The Bling Ring

»The Bling Ring«
von Sofia Coppola

»Enough Said« von Nicole Holofcener

»Enough Said«
von Nicole Holofcener

»The Fifth Estate« von Josh Singer

»The Fifth Estate«
von Josh Singer

»The Great Gatsby« von Baz Luhrmann & Craig Pearce

»The Great Gatsby«
von B. Luhrmann & C. Pearce

»Spring Breakers« von Harmony Korine

»Spring Breakers«
von Harmony Korine

Braucht jede Geschichte eine Charakterentwicklung?

Lucy Hay stellt auf ihrem Blog Bang2Write eine hervorragende Frage: Muss die Hauptfigur in einer Geschichte zwingend eine Charakterentwicklung durchmachen? Muss sie etwas wichtiges lernen, an der Geschichte “wachsen”, um am Ende jemand anderes, “besseres” zu sein, als am Anfang?

Wer einmal einen Drehbuchschreibkurs oder ein Dramaturgie-Buch gelesen hat, wird diese Fragen reflexartig mit “Ja” beantworten.

Lucy Hay nennt in ihrem lesenswerten Beitrag jedoch einige prominente Filmbeispiele, die völlig ohne Figurenentwicklung auskommen: Ripley in “Alien”, McClane in “Die Hard” oder Forrest Gump. In der Tat dürfte die statische Hauptfigur in den meisten Action- und Superheldenfilmen eher die Regel als die Ausnahme sein. Auch in Komödien kommen immer wieder statische Hauptfiguren vor, etwa Harry and Lloyd in “Dumb and Dumber” oder Jeff Lebowski in “The Big Lebowski”. Auch in “Fargo” lernt keine der Hauptfiguren erkennbar etwas hinzu.

Die charakterliche Entwicklung der Hauptfigur ist sicherlich für viele Geschichten von zentraler Bedeutung. Aber wie die Beispiele zeigen eben nicht immer.

Trotzdem wird das Mantra “Eine Hauptfigur muss an der Geschichte wachsen” jedem angehenden Autor – und schlimmer noch Nicht-Autor – ständig und überall eingetrichtert. Warum auch nicht? Charakterentwicklung schadet schließlich nie. Oder?

Meine Antwort darauf wäre: meistens nicht. Aber manchmal macht sie die Geschichte auch nicht besser. Ein gutes Beispiel dafür ist Alfonso Cuaróns “Gravity”: hätte der Film nicht auch ohne die bemühte Überwindung des Muttertraumas von Sandra Bullocks Figur Stone hervorragend funktioniert? Hätte er nicht vielleicht sogar besser funktioniert, weil durch eine weniger psychologisch angeschlagene Figur die Glaubwürdigkeit der Geschichte nicht so stark strapaziert worden wäre? (Warum um alles in der Welt wird eine Frau, die psychisch derart labil ist, auf eine Weltraummission geschickt?!?)

Vor allem aber kann ein zu starker Fokus auf Figurenentwicklung bei der Entwicklung einer Geschichte, die stark über die äußere Handlung funktioniert auch hinderlich sein. Wir alle kennen diese Figuren, die mit komplexen persönlichen Konflikten in eine Geschichte gehen und diese damit einfach nur überfrachten. Weniger ist manchmal mehr.

Wenn man eine gut funktionierende, spannende oder lustige Geschichte hat und bei der Entwicklung feststellt, dass die Hauptfigur keine wirkliche Entwicklung durchmacht, sollte man nicht gleich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Vielleicht braucht diese Geschichte dann einfach keine Charakterentwicklung.

Wie Lucy Hay völlig richtig feststellt, ist eine charakterliche Entwicklung der Hauptfigur nicht das erzählerische Allheilmittel, als dass es von den meisten Schreibratgebern dargestellt wird. Sie wird in der Tat seit einigen Jahren deutlich überstrapaziert. Wenn ein starker, konfliktreicher Plot vorhanden ist, ist es manchmal besser, den Helden zwischen all der Action nicht auch noch sein Kindheitstrauma aufarbeiten zu lassen.

Gilgamesch und »The Hero’s Journey«

Der von Joseph Campbell begründete Begriff der Heldenreise ist jedem Drehbuchautor geläufig, seit Christopher Vogler damit in Hollywood offene Türen eingerannt und so prominente Fans wie George Lucas gewonnen hat.

Die Grundidee ist faszinierend: Campbell kam durch seine ethnologischen Forschungen zu dem Schluss, dass mythische Geschichten aus den verschiedensten Kulturkreisen ein archetypisches Grundmuster aufweisen, das er als “Hero’s Journey” bezeichnete oder auch, nach James Joyce, Monomythos.

Die Idee, dass alle großen Geschichten ein und derselben Struktur folgen, klingt für Autoren verständlicherweise äußerst verlockend, legt sie doch nahe, dass diese archetypische Struktur gewissermaßen ein ehernes Naturgesetz ist, dem man nur folgen muss, um in den Olymp der großen Erzähler einzugehen. Folgerichtig nannte Vogler sein Buch denn auch “The Writer’s Journey”.

Die Idee des Monomythos klingt beinahe zu schön und wahr zu sein – und vielleicht ist sie das auch. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Sean Hood auf seinem Blog Genre Hacks. Er hat sich die Mühe gemacht, den wohl sagenumwobensten, sicher aber ältesten Mythos der Menschheitsgeschichte selbst zu lesen: das Gilgamesch-Epos. Aber leider schien der so gar nicht in das schöne Muster von Campbell/Vogler zu passen.

Gilgamesh

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Arbeit von Campbell einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich als eherne Wahrheiten verbreitete Forschungsergebnisse bei genauerem Hinsehen als Mythos erweisen – auch und gerade in den Kulturwissenschaften.

Auch die schöne Geschichte von der Herkunft der Grimm’schen Märchen ist inzwischen als Märchen entlarvt worden - die beiden Brüder sind keineswegs durch die deutschen Lande gezogen, um sich noch im hintersten Tal von betagten Großmüttern an Spinnrädern deren Gutenachtgeschichten erzählen zu lassen. Vielmehr haben sie sich von sechs halbwüchsigen Töchter aus gebildeten Kasseler Bürgerfamilien Geschichten aus einer französischen Märchensammlung erzählen lassen, die wir heute als “Deutsche Volksmärchen” kennen.